Werkzeug – Methode – Systematik: Versuch einer Begriffsbestimmung

Geht es Ihnen auch so? Ist die FMEA (englisch „Failure Mode and Effects Analysis“, dt. „Fehlermöglichkeits- und -einflussanalyse“) für Sie eine Methode oder ein Werkzeug? Neulich sprach jemand von der Innovations-Roadmap. Und ein anderer von dem Lean-Ansatz. Er bezeichnete sogar die Elemente (schon wieder ein anderer Begriff!) des Lean Managements mal als Werkzeuge, mal als Methode. Und das in einem einzigen Dokument.

Lange schon treibt mich dieses begriffliche Durcheinander um, schon oft habe ich ein paar freie Minuten genutzt, um  zu recherchieren, ob nicht jemand eine hilfreiche Definition erarbeitet hat. Fehlanzeige. Die fehlende Klarheit hat mich motiviert, jetzt selbst für eine Begriffsbestimmung Sorge zu tragen.

Ein Blick in den Duden lehrt mich:

  • Werkzeug: „für bestimmte Zwecke geformter Gegenstand, mit dessen Hilfe etwas [handwerklich] bearbeitet oder hergestellt wird“
  • Methode: „auf einem Regelsystem aufbauendes Verfahren zur Erlangung von [wissenschaftlichen] Erkenntnissen oder praktischen Ergebnissen“
  • Systematik: „(bildungssprachlich) planmäßige, einheitliche Darstellung, Gestaltung nach bestimmten Ordnungsprinzipien“

Alles klar? Vielleicht hilft uns ein Beispiel aus dem Handwerk weiter.

Methode und Werkzeug

Betrachten wir einen Handwerker, der z.B. eine Wand im Haus bauen soll. Es gibt verschiedene Methoden, eine Wand zu bauen. Man könnte sie betonieren, aus Steinen mauern, oder als Trockenbauwand aufbauen. Zum Betonieren einer Wand bedarf einer strukturierten Abfolge der Arbeitsschritte, bestimmter Ressourcen und ausgewählter Werkzeuge. Wenn Sie die Wand mauern, bedarf es eines anderen Ablaufs, anderer Ressourcen und anderer Werkzeuge. Wiederum anders beim Bau als Trockenbauwand. Das Ergebnis ist immer eine Wand, aber mit unterschiedlicher „Leistung“.

Systematik

Aber wer sagt, welche Leistung die Wand eigentlich bringen soll? Das macht der Architekt. Er legt zunächst die Systematik fest, wann welche Aktivität getan wird (also zuerst das Fundament, dann die Wände, zuletzt das Dach) und welche Methode (sprich Bauweise) an welcher Stelle zum Einsatz kommt.  Er sorgt damit dafür, dass das Haus am Ende funktioniert und seine Gesamtleistung bringt (Stabilität, Kosten, Wärmebedarf, …). Klingt eigentlich ganz logisch. Und damit wäre die Arbeitsweise auch klar: zuerst braucht man die Systematik, die sagt WAS man WIE erreichen will, die Methode beschreibt das WIE im Detail, und die Werkzeuge helfen dem Menschen beim Tun. So bekommen wir insgesamt Orientierung.

Transfer auf Wertanalyse

Lässt sich das denn nun auf die industrielle Anwendung transferieren? Ich wage einen Versuch bei meinem Steckenpferd, der Wertanalyse (WA). Ganz kurz gesagt dient diese dazu, das Verhältnis von Aufwand (=Kosten) und Nutzen (=Kundennutzen) eines Produktes oder einer Dienstleistung mit dem Ziel, die  Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens zu verbessern.

Analog der Bauanleitung für die Wand gibt es bei der Wertanalyse einen Arbeitsplan mit 10 Grundschritten (vgl. VDI Richtlinie 2800). Somit wäre sie eine Methode. Zur Durchführung der 10 Grundschritte werden verschiedene Werkzeuge zu Hilfe genommen. So zum Beispiel eine Stärken-/Schwächen-Analyse der Wettbewerber, eine Funktionen- und Kostenanalyse, Kreativitätstechniken zur Ideenfindung, usw. Eine Anmerkung noch an dieser Stelle: gleiche Werkzeuge können im Kontext unterschiedlicher Methoden eingesetzt werden, genauso aber auch einzeln für sich nutzbringend verwendet werden. Das schöne aber ist, dass durch die Methode eine Vernetzung der Werkzeuge geschaffen wird, die Orientierung, Sicherheit und beschleunigte Abläufe bringt und damit ein außerordentlich gutes Ergebnis fast garantiert ist. Zehn bis zwanzig Prozent Verbesserung ist möglich – diese Erfahrung habe ich sowohl bei der WA als auch bei Lean Management Projekten gemacht.

Wo ist die Systematik?

Da kommt dann das oben genannte Ziel der WA ins Spiel, die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu verbessern. Das erreicht man nachhaltig nämlich nur dann, wenn man die WA nicht nur sporadisch einsetzt wenn der Schuh gar zu arg drückt, sondern als Standard im Unternehmen etabliert, deren Einsatz seitens der Führung immer dann gefordert und gefördert wird, wenn Produkte oder Dienstleistungen hinsichtlich Aufwand und Nutzen gestaltet werden (unabhängig vom Produktlebenszyklus). So definiert das auch die Norm EN 12973 „Value Management“.

Begriffsbestimmung

Hier mein allererster Versuch einer verallgemeinerten Begriffsbestimmung:

  • Systematiken beschreiben, wie der Einsatz von Methoden in dem Ordnungsrahmen des Unternehmens und verankert ist, und wie Methoden miteinander zusammenspielen, um zu nachhaltigem Erfolg zu führen.
  • Methoden definieren ein planmäßiges Vorgehen um Mittels Einsatz unterschiedlicher, geeigneter Werkzeuge zu einem gewünschtem Ergebnis führt.
  • Werkzeuge sind die Hilfsmittel, mit deren Hilfe gegebene Materialien, Informationen, oder Sachverhalte so aufbereitet und dargestellt werden können, dass sie zu neuen Ergebnissen oder Erkenntnissen führen. Sie können in unterschiedlichen Methoden Einsatz finden.

Und bei der FMEA?

Zu welcher Entscheidung kommen Sie bezüglich der Frage, ob die FMEA eine Methode oder ein Werkzeug ist? Meine Antwort dazu sowie mehr darüber, wie das Zusammenspiel unterschiedlicher Methoden über den „Haftvermittler“ Systematik im Unternehmensumfeld funktioniert erfahren Sie in der VMFD-Publikation 01, die im Februar erscheint. Abonnieren Sie den Newsletter und tragen Sie im Feld „Spezial“ einfach das Stichwort „Methode“ ein, dann senden wir Ihnen die Publikation nach Erscheinen kostenlos zu.

Ich bin gespannt auf Ihre Kommentare und Anregungen im Blog.

Rainer Stockinger

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